Internetauftritt der Arbeitsgemeinschaft Feldhamsterschutz (AGFHA) 

Eiszeitliche „Riesenhamster“

In der ganzen Welt veränderten mehrmalige Eiszeiten die Landschaft und damit auch ganze Ökosysteme. Besonders die Nordhalbkugel vereiste teilweise fast völlig oder bestand aus großen baumlosen Kältesteppen (etwa 2.000.000 bis 20.000 v. Chr.). Diese dramatischen klimatischen Geschehnisse, blieben natürlich nicht ohne Wirkung auf die vorhandene Tier- und Pflanzenwelt. In Anpassung an das eiszeitliche Klima beziehungsweise durch die damit bedingte Isolierung von Populationen, entwickelten die vorhandenen Säugetierordnungen zahlreiche neue Gattungen und Arten, vereinzelt sogar neue Familien. Bei den Wirbeltieren war ein Riesenwuchs weltweit verbreitet und erfasst unterschiedliche Tiergruppen, wie zum Beispiel Schildkröten, Vögel, Paviane, Mäuse und Nashörner.

Unterkiefer eines Cricetus
praeglacialis, Mosbacher Sande
Unterkiefer eines Cricetus praeglacialis, Mosbacher Sande (Museum Wiesbaden)

Bei der Gattung der Großhamster (Cricetus), dem unser Feldhamster (Cricetus cricetus) heute als einzigste Art angehört, bildeten sich ebenfalls neue Formen. Lange Zeit wurden sie allesamt als Unterarten des Feldhamsters angesehen. Doch neuere detailliertere Untersuchungen differenzierten aber Merkmale heraus, die vier eigene unabhängige voreiszeitliche Hamsterarten vermuten lassen. Drei dieser starben durch den klimatischen und ökologischen Wandel ohne Nachkommen aus und eine gilt als der direkte Vorfahre des heutigen Feldhamsters. Wie die verschiedenen Formen entstanden sind lässt natürlich nur noch sehr schwer beantworten, doch geben ihre fossilen Überreste uns heute noch spannende Informationen über ihr äußeres und ihre Verbreitung. Im Folgenden werden die Arten kurz vorgestellt und um die Lesbarkeit zu erleichtern, mit deutschen Namen versehen.

Zwergfeldhamster (Cricetus nanus, SCHAUB 1930)
Der Kleinste der bisher gefundenen Feldhamsterarten war nicht viel größer als ein Goldhamster (Mesocricetus auratus). Er konnte an verschiedenen Fundstellen festgestellt werden, wobei sich keine deutlichen morphologischen Unterschiede zwischen den einzelnen Populationen feststellen lassen. Die Art war während des frühen Biharium bzw. Altpleistozän häufig verbreitet.

Runtonscher Feldhamster (Cricetus runtonensis, NEWTON 1909)
Die ersten Schädel und Zähne dieser Art wurden in West-Runton (Norfolk, England) gefunden. Seine Abmessungen lagen zwischen dem des Voreiszeitlichen Feldhamsters und dem des Großen Feldhamsters und er war damit größer als unser heutiger Feldhamster. Diese Art kam im frühen bis spätem Pleistozän vor und starb ohne Nachkommen aus. Mitarbeiter der Senckenbergischen Forschungsstation Weimar fanden bei Ausgrabungsarbeiten an der unterpleistozänen Wirbeltierlagerstätte in Untermaßfeld in Südthüringen ein nahezu vollständiges Skelett.

Mosbacher Sande bei Wiesbaden (Foto Zenker)
Mosbacher Sande bei Wiesbaden (Foto Zenker)

Großer Feldhamster (Cricetus major, WOLDRICH 1880)
Der absolute Riese unter den Hamstern. Seine Evolutionslinie ist wie bei den erstgenannten Hamsterarten ohne Nachkommen ausgestorben. Wer schon mal einen lebendigen Feldhamster erleben durfte, kann sich vorstellen wie imposant erst der Große Feldhamster gewirkt haben muss. Viele Nachweise des „Riesenhamsters“ stammen aus dem Jungpleistozän.

Voreiszeitlicher Feldhamster (Cricetus praeglacialis, SCHAUB 1930)
Nach neueren Untersuchungen scheint diese Form, der direkte Vorfahre unseres heutigen Feldhamsters zu sein. Er war nur etwas größer und wies eine etwas kompliziertere Zahnmorphologie auf. Nachweise gelingen kontinuierlich in den Schichten im Jungpleistozän bis hinein in das Holozän.

Links:
Aktuelle Forschung http://www.matramuzeum.hu/Personal/folia/22/3.PDF
Paläontologische Tagung http://eavp.alettra.de/abstracts/4thEWVPabstract.pdf
Paläontologie der Mosbacher Sande http://www.nws-wiesbaden.de/samm022.html